„Wir leiden unter Datenarmut“ – Thomas Ramge im Interview

„Wir leiden unter Datenarmut“ – Thomas Ramge im Interview

06. Mai 2020 · Dettlings Kolumne

Klimawandel, Digitalisierung, jetzt Corona. Welchen Beitrag können Künstliche Intelligenz und Datenökonomie leisten? Und welches Modell macht das Rennen, wenn es um die Zukunft der Datennutzung geht? Ein Gespräch mit Thomas Ramge, Research Fellow am Weizenbaum Institut, anlässlich seines neuen Buches „postdigital“.

Die Welt ist im Krisenfieber: Klimawandel, Digitalisierung, jetzt Corona. Die einen fürchten um das grüne Überleben des Planeten, die anderen haben Angst vor Massenarbeitslosigkeit und eine Pandemie wie Corona führt zur größten Wirtschaftskrise seit dem Zweiten Weltkrieg. Welchen Beitrag können Künstliche Intelligenz und Datenökonomie leisten? Und welches Modell macht das Rennen, wenn es um die Zukunft der Datennutzung geht? Ein Gespräch mit Thomas Ramge, Research Fellow am Weizenbaum Institut, anlässlich seines neuen Buches „postdigital“.

Bild: Peter von Hessen


Optimisten haben es in solchen Zeiten wie heute schwer. Warum setzen in Ihrem neuen Buch dennoch auf die Intelligenz der Menschen und der Maschinen?

„Wirtschaftlicher Pessimismus wird ja oft zur „self-fulfilling prophecy“. Da bleibe ich in einer solchen Situation doch lieber Optimist und vertraue auf den gegenteiligen Effekt. Aber natürlich ergibt Optimismus nur Sinn, wenn man in der Gegenwart alles tut, um ein wünschenswertes Bild von der Zukunft auch Wirklichkeit werden zu lassen. In Bezug auf Technologie heißt das: Wir müssen die intelligenten Systeme endlich intelligenter nutzen, damit sie mehr Nutzen für alle stiften, und nicht vorrangig den Shareholdern der Superstar-Firmen des digitalen Plattformkapitalismus.“

Eine Pandemie wie Corona lässt sich mit Unterstützung von KI und Datenanalysen bekämpfen?

„Ja, aber weniger als erhofft. Wir leiden unter Datenarmut. Wir haben es mit einem unbekannten Virus mit unbekannten Informationen im Hinblick auf die Übertragungswege und einer sehr unsicheren Datenlage, wer infiziert und wer schon immun ist, zu tun. Das ist das genaue Gegenteil von der Datafizierung der Welt, über die wir seit 10 bis 15 Jahren reden. Solange wir die Daten nicht haben, nützen auch Algorithmen nichts, die sie auswerten können. Es fehlt an datenevidenzbasiertem Wissen. Lernende Systeme wie künstliche Intelligenz können uns hier kaum helfen. Viele Datenwissenschaftler sind aktuell enttäuscht, wie wenig ihre Disziplin zur Lösung der Krise beitragen kann.“

Sind nicht-demokratische Staaten effektiver bei der Bekämpfung der aktuellen Pandemie?

„Unser Rollenbild ist nicht China. China hat seinen gewaltigen digitalen Überwachungsapparat zur Bekämpfung von Corona eingesetzt. Verlässliche Daten von dort haben wir nicht. Rollenmodell können allenfalls die asiatischen Demokratien Taiwan, Südkorea und Singapur sein. Dort ist die Einstellung, was ein Staat über seine Bürger wissen darf, natürlich auch eine völlig andere. In Taiwan gab es „electronic fencing“, eine Art elektronische Fußfessel, mit der Behörden die Bewegungsprofile der Menschen nachverfolgen konnte. In einer solchen Krise wie Corona müssen wir ideologiefrei diskutieren: Was nützt und was nützt nicht? Wir dagegen wollen beides: 100%igen Datenschutz und 100%igen Nutzen. Datenschutz darf nicht zur Datenlähmung führen.“

Wo stünden wir in Deutschland heute, wenn wir die Digitalisierung nicht verschlafen hätten?

„Wir merken ja gerade an vielen Stellen, wie stark Deutschland bei digitaler Infrastruktur und Nutzungskompetenz hinterherhinkt, selbst wenn es um basale Anwendungen geht. Wenn auch in Deutschland die digitale Sprechstunde mit dem Hausarzt eine Selbstverständlichkeit wäre, hätten sich zu Beginn der Pandemie nicht so viele Leute in vollen Wartezimmern mit Covid-19 angesteckt. Zudem sehen wir im Auge der Pandemie: Die Anwendungen, die bei uns genutzt werden, kommen meist nicht aus Europa. Von digitaler Souveränität sind wir in jeder Hinsicht weit entfernt.“

Jetzt klingen Sie weniger optimistisch. Was können wir für die Zukunft lernen?

„Wir sehen erste Lerneffekte. Und ich bin auch sicher: Wenn das nächste Virus um die Ecke lugt, werden wir früher und härter reagieren können. Es geht darum kluges, menschliches Handeln mit datengestützter Technologie zu verbinden. KI-Systeme können uns helfen, potenzielle Wirkstoffe schneller zu identifizieren und einen Impfstoff schneller zu entwickeln, indem wir einen Teil der Wet-Lab-Vorgänge im Rechner simulieren. Der eigentliche Kampf wird aber nicht in einem künstlichen neuronalen Netz gewonnen, sondern in der Petrischale.“


Buchhinweis
„postdigital: Wie wir künstliche Intelligenz schlauer machen, ohne uns von ihr bevormunden zu lassen“.
Murmann Verlag 2020. 212 Seiten. 20,00 €.

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