Schulen der Zukunft – ein Neustart für die Bildung nach Corona

Schulen der Zukunft – ein Neustart für die Bildung nach Corona

15. September 2020 · Dettlings Kolumne

Die monatelangen Schließungen von Kitas und Schulen aufgrund von Corona waren Stand heute wohl nicht erforderlich gewesen, um die Ausbreitung des Virus zu verlangsamen. Zu diesem Schluss kommen immer mehr Gesundheitsexperten und Politiker in Europa. Von Kindern geht eine eher geringe Infektionsgefahr aus. Die ökonomischen Folgen der monatelangen Schulschließungen sind bereits heute schon gravierend.

Nach Berechnungen der OECD führt bereits der Verlust von einem Drittel Schuljahr zu einer Einbuße von drei Prozent des späteren Lebenseinkommens. Bis zum Ende des Jahrhunderts würden sich die Verluste auf Hunderte Milliarden Euro summieren, so OECD-Bildungsdirektor Andreas Schleicher bei der Vorstellung des Studie „Bildung auf einem Blick 2020“ Anfang September. Auch die sozialen Folgen sind erheblich. Je jünger die Schülerinnen und Schüler, desto wichtiger ist der Sozialraum Schule für die persönliche Entwicklung. Der Schaden von Schulschließungen wird sich somit bei den Jüngsten besonders bemerkbar machen. Die Bildungsungerechtigkeit dürfte sich weiter verschärfen. Es droht eine „Generation Corona“.

Die schwerste Bildungskrise seit langem zeigt, wie wenig die vergangenen Jahre dafür genutzt wurden, um die Schulen resilient zu machen. Der Mangel an digitalen Lernmethoden ist ebenso eklatant wie die gesamte IT-Infrastruktur. Auf die Welt der Megatrends wie Globalisierung, Urbanisierung, Konnektivität und „New Work“ sind die wenigsten Schulen vorbereitet.

Die Schulen brauchen einen mehrfachen Aufbruch
Jetzt, nach der Sommerpause, ist der Zeitpunkt, um das Bildungssystem europaweit krisensicher zu machen. Dazu bedarf es eines Neustarts im Sinne eines mehrfachen Aufbruchs: digital, sozial, pädagogisch und föderal.

  • Digital 
    Die Coronakrise und die damit einhergehenden Schulschließungen haben den Rückstand der allermeisten Schulen bei der digitalen Ausstattung offenbart. Nur wenige Schulen wussten, wie sie digitalen Unterricht gestalten können. Möglichst alle Schulen sollten in der Lage sein, digitale Lernplattformen für den Unterricht zu nutzen, auch weil jederzeit neue Schulschließungen drohen. Zwingende Bedingung ist die Weiterbildung der Lehrkräfte. Dafür braucht es niedrigschwellige Angebote.
  • Sozial
    Der Unterrichtsrückstand aufgrund der Schulschließungen in der Coronakrise ist enorm. „Lernen zu Hause“ fordert vor allem die Kinder, die aus sogenannten bildungsfernen und sozial weniger starken Familien kommen. Fachliche Unterstützung durch die Eltern ist hier schwieriger abzurufen. Damit Schulen in sozialen Brennpunkten vor Ort schnell und effektiv reagieren können, brauchen sie zusätzliche Mittel. Die Finanzierung sollte nach einem Sozialindex differenziert werden: Für Kinder aus weniger gut situierten Haushalten bekommen Schulen mehr Förderung.
  • Pädagogisch
    Nach Corona kommt es vor allem auf die Schulleitungen als Akteur an – als Manager der Krise wie Gestalter der „neuen Normalität“. Schulleitungen sind jedoch oft Führungskräfte ohne Ausbildung. Die Schulen brauchen ein Qualifizierungsprogramm für ihr Führungspersonal.
  • Föderal
    Es braucht mehr Zusammenarbeit zwischen der zentralen und lokalen Ebene. Es geht um beides: Leistung und Gleichwertigkeit. Das Ziel sollte eine möglichst hohe Autonomie der Schulen vor Ort sein bei gleichwertigen Abschlüssen.

Der Anspruch: Beste Bildung für Alle
„Beste Bildung für alle Kinder“ muss der Anspruch der Schulpolitik in Europa nach Corona sein. Die nächste Generation von Schulen und Schüler(inne)n braucht Wissen und Werkzeuge, um ihr Lernen und Leben selbst in die Hand zu nehmen. „Beste Bildung für alle“ und „personalisiertes Lernen für jeden Einzelnen“ sind kein Widerspruch. In den Schulen der Zukunft werden Lehrkräfte zu Trainer(inne)n und Coaches, Klassenzimmer zu Workshops und Schulen zu Kreativ-Laboren. Die Schule der Zukunft ist ein Ort für ganzheitliche Bildung. Aus dem Unterrichten von Fächern wird das Lernen in Teams. „Beste Bildung für alle Kinder“ geht nur über eine deutliche Verbesserung von Bildungszugang, Bildungsqualität und Bildungsgerechtigkeit. Viele Schulen und Lehrkräfte haben die Krise mit Improvisationstalent und Mut für neue Wege gemeistert. Dieses Momentum muss jetzt genutzt werden, um die Schulen der Zukunft aufzubauen. Jetzt schlägt die Stunde der kreativen Veränderer.

Service Service Service

Benötigen Sie weitere Informationen?

Sollten Sie hier nicht fündig geworden sein, kontaktieren Sie uns bitte. Wir werden Sie gerne persönlich beraten.

Kundenservice & Support

Das könnte Sie auch interessieren

Nicht das Ende der Welt

Nicht das Ende der Welt

17. April 2024 · Dettlings Kolumne

Wie wir als erste Generation einen nachhaltigen Planeten bauen können  Unsere Zeit ist begrenzt und deshalb kostbar. 80.000 Stunden verbringen wir im Durchschnitt im Laufe unseres Lebens mit Arbeiten. Das ist viel Zeit. Mehr als ein Zehntel unseres Lebens (bei einer durchschnittlichen Lebenserwartung von gut 80 Jahren). Wir alle wollen in diesen Stunden möglichst viel […]

Weiterlesen

Die Zukunft der Pflege: Care Society

Die Zukunft der Pflege: Care Society

18. März 2024 · Dettlings Kolumne

Alle wollen alt werden, aber niemand will es sein. „Alter“ ist zum Unwort geworden. Statt eine älter werdende Gesellschaft als Chance zu sehen, reduzieren wir den demografischen Wandel auf Überschriften wie „Pflegekatastrophe“ und „Kostenlawine“. Wie wollen wir in einer älter werdenden Gesellschaft leben? Über 90 Prozent der Älteren geben in Umfragen an, möglichst lange in […]

Weiterlesen

Zukunftslust statt Zukunftsmüdigkeit

Zukunftslust statt Zukunftsmüdigkeit

01. März 2024 · Dettlings Kolumne

Warum die neue industrielle Revolution zu mehr Chancen und Freiheiten führt als frühere Wir leben in einer Zeit der „Polykrise“. Klima, Krieg und andere Krisen machen etwas mit uns Menschen. Alte Gewissheiten wie immer mehr Wohlstand, ewiger Frieden und steigende Gesundheit sind erloschen. Der Philosoph und Politiker Antonio Gramsci hat Krisen als „Interregnum“ bezeichnet: die […]

Weiterlesen