Länger leben wollen wir alle, aber ewig?

Länger leben wollen wir alle, aber ewig?

23. Oktober 2023 · Dettlings Kolumne

Lässt sich das Altern aufhalten? Superstars wie Jeff Bezos und Peter Thiel aus dem Silicon Valley glauben fest daran. Dabei ist ihr Traum vom ewigen Leben uralt. Neu sind die Methoden und Finanzmittel, die in die Forschung fließen.

Blutauffrischungen, Gentherapien und mRNA-Technik – das Ziel ist dasselbe: Die Verlängerung des Lebens und die Verlangsamung des Alterns. Altern als heilbare Krankheit. „Longevity“ ist die neue Milliarden-Wette nicht nur der Superreichen. Mehr als fünf Milliarden US-Dollar sind bis heute in die Verjüngungsindustrie geflossen. Der Markt ist die Weltbevölkerung mit ihren mehr als acht Milliarden Menschen. Die weltweit steigende Lebenserwartung wird zum ökonomischen Gesundheitsproblem für alle. Multiple und chronische Krankheiten werden zum Sicherheitsrisiko für die knappen Sozialkassen auf der Erde.

In den letzten Lebensjahren entstehen die höchsten Kosten

Ziel ist die Verlängerung der „health span“: Die Lebensspanne, die Menschen bei guter Gesundheit verbringen, bis zum Maximum an biologisch möglicher Lebenszeit zu verlängern. Heute sind das etwa 120 Jahre. In den letzten Lebensjahren entstehen die höchsten Ausgaben für die Gesundheitssysteme der westlichen Welt. Es lassen sich nicht nur enorme Kosten sparen, wenn die Zeitspanne des Siechtums verringert werden könnte. Ein neuer gigantischer Markt mit Milliardengewinnen für Unternehmen entsteht. Der aktuelle Börsenerfolg von Spritzen und Medikamenten gegen Übergewicht zeigt das enorme Potenzial der neuen Lifestyle- und Anti-Aging-Industrie. Regionen, in denen heute bereits Menschen überdurchschnittlich lange leben, werden „blue zones“ genannt. Wissenschaftler fanden heraus, dass die dortigen Menschen viel Gemüse und Soja essen, wenig Alkohol trinken, sich moderat bewegten und ein hohes Maß an sozialen Kontakten haben. Optimisten haben eine bis zu 15 Prozent längere Lebenserwartung als Pessimisten und bleiben länger gesund.

Der vitale Imperativ

Der Begriff «Vitalität« kommt aus dem Lateinischen und heißt «zum Leben gehörig, Leben enthalten und erhaltend«. Wir haben es überwiegend selbst in der Hand, wie gesund wir altern. Nur zwischen 10 und 30 Prozent unserer Gesundheit sind genetisch festgelegt, schätzt der Altersforscher Sven Völpel. Der Rest hängt von unserem Verhalten ab. Die durchschnittliche Vitalität steigt in der zweiten Lebenshälfte, zeigen etliche Studien. Vitalität besteht darin, uns auf die Welt so einzulassen, dass wir sie ändern können, von innen wie von außen. Gesundheit ist für uns das Mittel der Vitalität. Immer mehr Krankheiten hängen mit dem Lebensstil zusammen wie Diabetes oder Bluthochdruck. Es sind vor allem fünf Lebensstilfaktoren, auf die es ankommt: gesundes Essen, stabiles Körpergewicht, regelmäßiger Sport, wenig Alkohol und kein Tabak. Einer Studie der Harvard T.H. Chan School of Public Health zufolge bringen diese Tipps einer 50-jährigen Frau bereits heute 14 Jahre mehr Lebenszeit, einem 50-jährigen Mann immerhin 12 weitere Jahre. Es geht darum, altersbedingte Krankheiten zu vermeiden und nicht 150 Jahre oder älter zu werden.

Der wahre Luxus

Der Traum vom langen Leben betrifft uns alle, Staat, Wirtschaft und Gesellschaft. Rentensystem, Infrastruktur und die Zukunft des gesellschaftlichen Zusammenhalts stellen sich neu. Und auch die Frage, wie wir künftig sterben. Langlebigkeit und Lebensmüdigkeit sind zwei Seiten derselben Medaille. König Gilgamesch war bereits 2600 Jahre vor Christus auf der Suche nach der Unsterblichkeit. Am Ende verzichtete er, so die Erzählung, auf Unsterblichkeit und erblickte im glücklichen Leben den wahren Luxus. Wir bestimmen selbst, ob und wie wir sehr alt werden, um uns möglichst lange jung zu fühlen.

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